Europa diskutiert intensiv über Resilienz, Krisenvorsorge und Handlungsfähigkeit. Das ist richtig und notwendig. Denn in einer Zeit, in der geopolitische Spannungen, Cyberangriffe, Energie fragen, Naturkatastrophen und Lieferengpässe unseren Alltag prägen, entscheidet sich Widerstandskraft nicht nur in Ministerien oder Krisenstäben. Sie entscheidet sich auch dort, wo Verantwortung praktisch übernommen wird: in Praxen, Kanzleien, Planungsbüros, Apotheken und vielen freiberuflichen Strukturen.
Gerade die Freien Berufe sind ein oft unterschätzter Teil europäischer Preparedness, also der Fähigkeit, Krisen vorzubeugen, auf sie vorbereitet zu sein und im Ernstfall handlungsfähig zu bleiben. Sie sichern Versorgung, Orientierung, Rechtssicherheit, bauliche Qualität, Gesundheit und Vertrauen. Sie sind nah an den Menschen, fachlich unabhängig und einem Berufsethos verpflichtet. Genau das macht sie in Krisenzeiten so wertvoll. Resilienz ist nicht nur eine Frage von Vorräten, Technik oder Zuständigkeiten. Resilienz braucht auch Institutionen und Berufe, auf die sich Bürgerinnen und Bürger verlassen können.
Wenn wir über Vorsorge sprechen, geht es deshalb um Funktionsfähigkeit im Alltag. Können Bauprojekte trotz Störungen weiter geplant werden? Bleibt medizinische und pharmazeutische Versorgung erreichbar? Gibt es verlässliche rechtliche, steuerliche und technische Beratung, wenn Unsicherheit wächst? Freie Berufe halten diese Strukturen zusammen. Sie machen Gesellschaft belastbar.
Diese Perspektive bringe ich auch in meine Arbeit im Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss (EWSA) ein. Dort wird immer deutlicher: Europa muss seine Vorsorge breiter denken. Wer Preparedness ernst meint, muss die organisierte Zivilgesellschaft und mit ihr die Freien Berufe systematisch einbeziehen. Sie sind keine Randnotiz europäischer Krisenfähigkeit, sondern Teil ihrer Substanz.
Deshalb ist es folgerichtig, dass sich auch der Europäische Tag der Freien Berufe diesem Thema widmen wird. Die zehnte Ausgabe ist für den 29. September 2026 in Brüssel geplant. Das ist mehr als ein Konferenztermin. Es ist ein politisches Signal: Freie Berufe sind Träger von Stabilität, Kontinuität und Vertrauen. Europas Resilienz wird nicht allein in Brüssel organisiert. Aber sie entscheidet sich auch dort an der Frage, ob die Stimme der Freien Berufe gehört wird.
der freie beruf 1 | 2026
Martin Böhme ist seit Februar 2026 Sprecher der Interessengruppe Freie Berufe im Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss (EWSA) und Geschäftsführer des Landesverbands der Freien Berufe Rheinland-Pfalz.
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Europäischer Wirtschafts- und Sozialausschuss